Graphic Recording – Wie läuft eine Live Visualisierung ab?

Graphic Recording – Wie visualisiert ein Profi?

Stell Dir vor, Du hältst eine wichtige Präsentation. Alles läuft wunderbar, schliesslich bist Du gut vorbereitet. Du hast den Ablauf gut durchdacht und die Power Point-Folien sind klar und verständlich. Doch mitten in ihrem Vortrag streckt im Publikum plötzlich jemand die Hand auf und verlangt, dass Du die zuletzt genannten Sätze bildlich darstellst, um es besser zu erklären. Unvorbereitet und spontan.

Würdest Du da ein wenig ins Schwitzen kommen?

Wahrscheinlich schon, und das ist auch absolut verständlich. Du hast nicht damit gerechnet und hast dir nicht im Vornherein überlegt, wie ausgerechnet dieser eine Sachverhalt visualisiert werden könnte. Klar, dass Dich das jetzt ganz schön unter Druck setzt …

Für einen Graphic Recorder ist dies das sprichwörtliche tägliche Brot. Jeder Illustrator, der bei einem Event als Live-Zeichner arbeitet, wird immer wieder auf diese Weise ins kalte Wasser geworfen. Das ist ja auch, was gerade den Reiz beim Graphic Recording ausmacht – man weiss nie, was für ein Resultat einen am Ende des Tages erwartet.

Ich stehe bei Events regelmässig vor einem leeren weissen Plakat und weiss, dass es in ein paar Stunden regelrecht überquellen wird mit Informationen und Bildern. Wie das Graphic Recording aussehen wird, kann ich nicht wissen. Schliesslich werden die Informationen, auf die ich mich stütze, oftmals erst vor Ort generiert. Beispielsweise bei einem Workshop. Das ist super spannend, macht einen aber auch immer ein wenig nervös. Man fragt sich: Was, wenn mir nichts Gescheites einfällt? Was, wenn ich gar nicht verstehe, was besprochen wird? Was, wenn ich die Bildaufteilung falsch angehe und ich zu schnell oder das Falsche zeichne?

Solche Zweifel gehören bei diesem Job dazu. Eine gewisse Nervosität sorgt ja auch dafür, dass man konzentriert bleibt und sein Bestes gibt. Daran habe ich mich also inzwischen gewöhnt. Trotzdem: Die Angst, dass mir zu gewissen Unterthemen keine geeigneten Bilder einfallen, ist immer da. Auch wenn sich diese Angst bei mir bisher immer als unbegründet herausstellte … Und vielleicht fragst Du dich, wie ich das anstelle. Wie bringe ich es fertig, gesprochene Sätze in kurzer Zeit in ein Bild zu verwandeln und auf einem Plakat oder iPad festzuhalten?

Das ist gar nicht so einfach zu erklären! Ich musste mich vor dem Verfassen dieses Artikels wirklich hinsetzen und mir überlegen, wie ich das mache. Inzwischen weiss ich, dass man den Prozess an zwei Punkten festmachen kann: “Routine” und “Aus Text wird Bild”.

1. Routine

Logisch: Je mehr Live-Zeichnen ich hinter mich bringe, desto mehr Routine habe ich dabei. Nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass bei vielen Events häufig dieselben Punkte wichtig sind. Das sind zum Beispiel: Ideen und Innovation, Kundenzentriertheit, Vertrauen oder Führung durch Beispiel. Solche Schlagwörter tauchen bei Präsentationen immer und immer wieder auf. Und natürlich weiss man mit der Zeit auch, welche Bilder sich dazu am besten eignen.
“Ideen und Innovation” ist ein perfektes Beispiel … Ich bin sicher, Dir fällt dazu ein passendes Bild ein. Was ist es? Genau, eine Glühbirne! Natürlich gäbe es andere Bilder, die auch passend wären, aber eine Glühbirne ist in unserer Kultur ein bekanntes Synonym für Ideen. Warum so etwas also bei einem Graphic Recording nicht nutzen? Auch beim Stichwort “Vertrauen” verwende ich oft dasselbe Bild, und zwar zwei Bergsteiger, die sich gegenseitig aufeinander verlassen müssen.
Ich könnte Dir noch viele weitere solche Beispiele nennen.

2. Aus Text wird Bild

Viel schwieriger ist es, Sachverhalte zu visualisieren, die nicht immer wieder vorkommen. Das macht eigentlich den Grossteil eines Graphic Recordings aus. Ich habe mir angewöhnt, die Information zuerst in meinem Kopf zu destillieren. Ganze Abschnitte werden so zu einzelnen Stichwörtern oder kurzen Sätzen. Diese halte ich dann direkt als Schlagwörter auf dem Plakat fest, und während ich schreibe, läuft der kreative Motor in meinem Kopf auf Hochtouren. Es ist ja allgemein bekannt, dass die Kreativität angeregt wird, wenn man malt. Und so funktioniert es auch, wenn ich Text auf dem Plakat festhalte. Es ist viel schwieriger, einfach nichts zu tun und vor dem leeren Plakat auf einen Geistesblitz zu warten, als direkt durch das Schreiben auf eine Idee zu kommen.
Während ich also Worte auf das Plakat “male”, jagen mehr oder weniger passende Bilder dazu durch meinen Kopf, und ich muss dann nur noch abwägen, welches ich am besten eignet.
Machen wir auch hier ein Beispiel: Der CEO einer grossen Firma hält einen Vortrag über Digitalisierung. Er spricht davon, dass in naher Zukunft gewisse Prozesse gänzlich digital ablaufen werden. Hierzu halte ich “Prozesse = digital” auf dem Plakat fest, und als Bild wähle ich Zahnräder, die ineinander greifen sowie einen Tablet-PC, der mit den Zahnrädern über rechteckig verlaufende Linien verbunden ist.

Ich kann mich daran erinnern, dass mir das Ganze bei den ersten Live-Zeichnen noch nicht so einfach von der Hand ging. Ganz klar, dass Erfahrung auch beim 2. Punkt eine wichtige Rolle spielt – je mehr man dieses Visualisieren übt, desto leichter fällt es einem und man wird auch mutiger, was die Ideen angeht. Versuche es also ruhig einmal. Es wird sich lohnen, davon bin ich überzeugt!

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